// PREFACE
Oskar Heym AUF HALBEM WEG
Im Schatten seicht dahinsiechender Theaterhäuser hat sich ein Theater (vielmehr: ein Verständnis von Theater) gebildet, das - quasi auf halbem Weg - den Stücken eine neue Dimension abringt: Die szenische Lesung.
Als Schüler besuchten wir häufig die Generalproben der großen Theater. Die Stuhlreihen waren leer, nur vorne duckten sich hinter beleuchteten Pulten einige Wesen und steckten die Köpfe zusammen. Die stillschweigende Hoffnung, es möge etwas daneben gehen, begleitete einen. Doch so sehr man darauf spekulierte, fast nie passierte ein Fehler, nie sprang jemand vom Tisch und schrie: Stop!, nie fiel das Licht aus, nie stolperte - wenigstens für uns erkennbar - ein Schauspieler über seinen Text. Alles saß, alles wirkte, und offensichtlich ging es den Generalprobenden mehr um den letzten Schliff als um eine Entdeckung dessen, auf das sie sich eingelassen hatten.
Die szenische Lesung geht einen Schritt weiter, weil zurück. Der Text mag geprobt sein, das Zusammenspiel bleibt unbestimmt. Die auf der Bühne wissen nicht recht, was sie da tun. Vor allem: Schauspieler halten den Text in den Händen, sehen sich kaum an, nicht einmal, wenn sie sich anschreien. Selbst Regieanweisungen werden vorgelesen. Geräusche, Kleidung, Bühnenbilder, alles improvisiert. Und doch scheint der Text auf einmal zu leben, bildet sich ein Zusammenhang, eine Struktur, erzählt sich eine Geschichte, formt das Gehör sich seine Bilder mit Hilfe spärlicher Gesten, wird der Zuschauer zum Zuhörer zum Mitleser. Ausgeschert aus dem Wettbewerb der Bilder entfaltet sich so der Sog eines Textes. Es ist eine Entstehung, ein Prozess, eine Andosierung des Fertigen, das Lesen funktioniert selbst da, wo die Stücke wenig dialogisieren und sprechen lassen. Ist eine Theateraufführung ein Spiel, das Spiel zwischen Worten und Bildern, so ist die Szenische Lesung das Zwischenspiel. Text, der durch Sprechen geformt. Die szenische Lesung, früher einzig dazu da, den Beteiligten Zugang zur Aufführung zu ebnen, wird zur Aufführung selbst.
Ist also German Theater Abroad in Wahrheit gar nicht nur dem Austausch zeitgenössischen Theaters verpflichtet, sondern dem ureigensten Kern von Theater selbst?
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